Zeit Online im Bergtrikot

Inspiriert von Snow Fall (New York Times) und Firestorm (Guardian), hat nun auch Zeit Online ein vergleichbares Multimedia-Projekt an den Start gebracht: ein Special zu 100 Jahren Tour de France.
Die Redaktion verspricht “Online-Journalismus, den Sie von uns noch nicht gewohnt sind.” Intern trägt das Projekt den Codenamen “Feiertagslayout”, das besonders opulent und zugleich auch reduziert daher kommt. Zudem ist das Layout auch für die mobile Ausspielung auf Smartphones und Tablets optimiert. Nicht verwunderlich also, dass die Reaktionen sich kurz nach dem Launch überschlagen und voll des Lobes sind. Hier eine kleine Auswahl:

 

 

Die Jubelkritik ist durchaus angebracht für eine neue Form des digitalen Storytellings, die bisher so von keinem anderen deutschen Medienhaus veröffentlicht wurde. Doch auch im internationalen Vergleich kann sich das multimediale Scroll Dossier von Zeit Online sehen lassen, wenn man es den beiden Vorbildern der New York Times und des Guardian gegenüberstellt:
Die Story:
Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt, die sich über eine Dachnavigation anwählen lassen: “Das Tourhotel”, “Der Dopingsünder” und “Der Fahrer ohne Lizenz”. Der Text ist nah an drei Protagonisten am Rande der Tour de France erzählt und spannend aufgebaut. Im Vergleich zu Snowfall von den New York Times bleibt dabei auch seine Länge überschaubar, so dass auch ein nur mäßig am Thema interessierter User bis zum Ende gelangen kann. Andererseits dürfte die Geschichte dem Radsport-Experten an der ein oder anderen Stelle etwas seicht erscheinen. Zusätzliche Info-Bausteine hätten neben den linear erzählten Kapiteln eine Möglichkeit bieten können, sich weiter in das Thema zu vertiefen.
Multimedia-Bausteine:
Der Haupterzählstrang des Tour-Specials wird über den Text transportiert, der jedoch in allen Kapiteln sehr geschickt durch Multimedia-Elemente angereichert wird. Neben mehreren Videos zu den Protagonisten sind das beispielsweise Fotogalerien, eine Zeitleiste zur Evolution der Rennräder oder eine Infografik darüber, wie Blutdoping funktioniert. Auch diese Multimedia-Reportage zeichnet sich also dadurch aus, dass sie sich aus vielen anderen Online-Darstellungsformen zusammensetzt. Sie schöpft aus den vielen Möglichkeiten des digitalen Repertoires. Ähnlich wie ein Artikeltext oder eine Audio-Slideshow stellt sie dabei eine monothematische Darstellungsform dar, aber um ein vielfaches komplexer, dramaturgisch durchdachter und aufwändiger in der Produktion.
Mobiles Layout:
Besonders gelungen ist bei der Multimedia-Reportage von Zeit Online auch die mobile Ausspielung für Smartphones und Tablets. Obwohl die mobile Darstellung einfacher als am Desktop-Rechner und dadurch weniger opulent ausfällt: Das Layout passt sich wunderbar an den mobilen Bildschirm an – besser umgesetzt als beim hochgelobten Firestorm des Guardian, wo sich die Navigation auf dem Smartphone holpriger gestaltet.
Doch bei allem Jubel rund um solche Formate bleibt am Ende für die Verlage die Frage: Würden User für solche hochwertigen Digitalangebote auch zahlen, wenn sie nicht mehr kostenfrei sind? Und wenn ja: Würden die Einnahmen auch nur annähernd die Kosten für die Produktion einer solchen Multimedia-Reportage decken? Vermutlich nicht. Aber natürlich stellen solche Projekte einen enormen Imagegewinn für eine Medienmarke dar, der sich längerfristig auch in der Bilanz niederschlagen dürfte. Und sie zeigen, was geht auf digitalen Plattformen, wie anders und mitreißend hier erzählt werden kann, wenn sich Reporter und Datenjournalisten, Foto-, Video- und Entwicklungsredakteure, Designer und Programmierer zusammentun.
Mehr Hintergründe zu digitalem Storytelling und auch zur Multimedia-Reportage als Darstellungsform gibt es im Buch “Digitales Storytelling”. Hier geht es zur Bestellung (gedruckt und als eBook).
[Foto: Screenshot]