Journalismus als Spiel

Es muss nicht immer ein ernster Zugang sein, um ein journalistisches Thema angemessen zu vermitteln. Es geht manchmal auch ganz anders: leichter, spielerischer, erfahrbarer. Das zeigt der Blick in die Welt der Computerspiele – und hier speziell in die Welt sogenannter Newsgames. Aber inwieweit sind solche Spiele mit seriösem Nachrichten-Journalismus vereinbar?
Newsgames spiegeln auf spielerische Art und Weise real existierende Zusammenhänge in einem interaktiven Szenario. Ein eindrucksvolles Beispiel für diese digitale Darstellungsform ist das von einer kanadischen Produktionsfirma produzierte Newsgame „Inside the Haiti Earthquake“, das auf einer Dokumentation beruht, in der die Arbeit des Roten Kreuzes nach dem Erdbeben im Januar 2010 in Haiti filmisch begleitet wird. In dem dazugehörigen Newsgame kann der Nutzer wahlweise in die Rolle eines Erdbeben-Opfers (man sucht Essen), eines Hilfswerk-Mitarbeiters (man versucht zu helfen) oder eines Journalisten (man berichtet über das Unglück) schlüpfen.

 

Das Newsgame „Inside the Haiti Earthquake“ (Screenshot)

Das Newsgame „Inside the Haiti Earthquake“ (Screenshot)

Durch diese Form der Simulation kann ein realer Nachrichtenvorgang unter Umständen besser in das Bewusstsein des Nutzers gebracht werden als durch klassische Darstellungsformen. Zwar wird niemand, „der nicht selbst vor Ort war, nachvollziehen können, was es heißt, in solch einer Situation Entscheidungen treffen zu müssen. Dennoch wird diese Katastrophe mit dem Spiel greifbarer”, heißt es dazu in einem Artikel auf Zeit Online.
Der Journalist und Spiele-Entwickler Marcus Bösch beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit Newsgames und hat kürzlich Prism – The Game mitentwickelt. Bösch sieht den wesentlichen Mehrwert von journalistischen Spielen darin, dass sie den Nutzer eine Nachricht gewissermaßen erfahren lassen. Gerade systemische Zusammenhänge könnten beispielsweise in Form einer spielerischen Simulation viel besser vermittelt werden als durch andere Formate – in einer immer schneller und komplexer werdenden Nachrichtenwelt eine wichtige Aufgabe von Journalisten.
Außerhalb des Journalismus sind seriöse Spiele dieser Art schon ein bewährtes Mittel, um Inhalte auf spielerische Weise zu vermitteln. Das Spektrum solcher „Serious Games“, die sich wiederum in zahlreiche Subgenres aufteilen lassen, reicht von klassischen Lernspielen, die vor allem in Schulen Verwendung finden, bis zu speziellen Simulationen für Piloten. Im Journalismus tauchen solche Formen hingegen bisher nur vereinzelt auf, obwohl es zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten gäbe.
Nach Meinung des Datenjournalisten Lorenz Matzat würden Medienhäuser bei vielen Themen die Chance auf ein besseres journalistisches Storytelling verpassen – gerade dann, wenn es um die Darstellung von komplexen Zusammenhängen geht. Beispielhaft nennt der Datenjournalist die Berichterstattung zu dem umstrittenen Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“, bei der er sich gewundert habe, warum eigentlich kein Medienhaus eine Simulation erstellt hat, um „einfach mal zu verdeutlichen, was die da eigentlich machen bei einem solchen Stresstest“. Durch eine Simulation hätte der Nutzer laut Matzat auf spielerische Art und Weise erfahren können, was es konkret für Folgen hat, „wenn etwa 40 statt 20 Züge pro Stunde durch den Stuttgarter Bahnhof fahren“.

 

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Budget Puzzle von den New York Times (Screenshot)

Newsgames können zudem auch auf spannende Weise mit datenjournalistischen Anwendungen kombiniert werden, wie ein Beispiel der New York Times zeigt: Unter dem Slogan „You Fix the Budget“ kann sich jeder Nutzer auf der Website der US-Zeitung dem Haushaltsproblem der USA annehmen. Das Newsgame bietet die Möglichkeit, in einer spielerischen Form mit Zahlen zu jonglieren, indem der Nutzer bestimmte Ausgabeposten streichen, aber auch neue Steuern erheben kann, um das Staatsdefizit in den Griff zu bekommen. Dem Nutzer wird so auf einfache Weise vermittelt, wie schwierig es für eine Regierung sein kann, Staatsschulden abzubauen, ohne dabei durch Streichungen und höhere Steuern den Ärger der Bürger auf sich zu ziehen.
Charakteristisch für Newsgames ist, dass das journalistische Endprodukt erst durch den Nutzer entsteht. Erst durch seine virtuellen Handlungen wird der Verlauf der Spiel-Geschichte entschieden, erst durch seine Art, das Spiel zu spielen, wird es zu einer Darstellungsform. Im besten Fall kann durch ein Newsgame bewirkt werden, dass der Nutzer einen ganz neuen Zugang zu einem realen Nachrichtenthema erreicht.
Dieser Blogeintrag ist eine Kurz-Fassung zum Thema aus dem Buch “Digitales Storytelling”. Wer mehr dazu lesen möchte, findet dort ein komplettes Kapitel über spielerische Formen im Journalismus.

 

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Ein paar Beispiele für Newsgames zum Entdecken:
Inside the Haiti Earthquake
HeartSaver
Cutthroat Capitalism: The Game
Budget Puzzle: You Fix the Budget
NarcoGuerra
Los 33
Endgame: Syria
Gauging Your Distraction
Budget Hero
Spent

 

Mehr zum Thema auf anderen Seiten:
“Creating Games for Journalism” / The ProPublica Nerd Blog
“HearSaver: Experimenting with News Games to Tell a Story” / The ProPublica Nerd Blog
“Spiel des Lebens” / Süddeutsche Zeitung
“Der Bürgerkrieg zum Selberklicken” / Zeit Online
“Snack oder opulentes Abendessen” / VOCER