#Wahlkampf am digitalen Lagerfeuer

Abgesehen vom paradoxen Leihstimmen-Endspurt der FDP und ein paar inhaltsarmen Aufregern wie Merkels Schlandkette oder Peers Stinkefinger: Der diesjährige Wahlkampf vor der Bundestagswahl erscheint vielen Beobachtern eher fade. Im TV-Programm aber tobt er wie nie zuvor. Nicht nur Parteien und Kandidaten kämpfen auf allen Kanälen um Wählerstimmen, auch die TV-Sender selbst buhlen um die Stimmen der Zuschauer in den sozialen Netzwerken und rufen wie selten zuvor zur Beteiligung auf. Interaktives Fernsehen, Social TV oder wie man es auch nennen möchte: Mitmach-Fernsehen via Tablet, Smartphone oder Laptop scheint einen Nerv zu treffen. Immer mehr Menschen nutzen einen “Second Screen”, während sie fernsehen – wenn sie nicht schon ganz auf einen Fernseher verzichten und nur noch einen “First Screen” benutzen. Denn bei vielen Live-Streams können die User mittlerweile ganz bequem direkt neben dem Videofenster kommentieren, ohne zwischen verschiedenen Fenstern, Tabs oder gar Geräten hin und her zu springen (ein Beispiel: #wahlschau).
Gerade jüngere Zielgruppen sollen bei politischen Sendungen durch Social TV angesprochen werden. Die Hoffnung der Macher: Politik wird dadurch unterhaltsamer, greifbarer, der Austausch mit Politikern, anderen Zuschauern und auch den Redaktionen hinter den Kulissen wird leichter. Und tatsächlich: Der Wunsch nach Beteiligung via Live-Kommentar, Hangout, Skype, Twitter oder Facebook scheint groß. Allein zum TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück wurden laut Twitter mehr als 173.000 Tweets durchs Netz gejagt. Social TV macht Fernsehen im besten Falle wieder zu einem sozialen Erlebnis – zum digitalen Lagerfeuer, an dem man sich trotz räumlicher Distanz gemeinsam versammeln und austauschen kann…

 

Für die klassischen Fernsehsender steckt hinter dem Social TV-Boom aber noch viel mehr: Er eröffnet ihnen die Chance, ihr Programm besser mit dem Internet zu verknüpfen – und so am Ende vielleicht auch ihre Reichweite wieder zu verbessern. Auch in Zeiten von Youtube, Netflix & Co haben TV-Sender eine Zukunft, wenn sie sich denn zu digitalen Marken entwickeln. Nur wer im Netz seine Präsenz ausbaut und auf die gewandelten Nutzererwartungen an Bewegtbild reagiert, wird mit seinen Inhalten längerfristig relevant bleiben können. Die klassischen Fernsehquoten taugen dabei immer weniger als Gradmesser für Erfolg.
Auch beim WDR experimentieren wir derzeit mit einem neuen Format, bei dem klassisches Fernsehen und Internet verschmelzen. Mit einer crossmedial aufgestellten Redaktion machen wir mit #waszurwahl an vier Sonntagen bis zur Bundestagswahl eine kleine, interaktive, politische Late Night aus dem Heizungskeller:

 

Die Sendezeit ist für ein interaktives Format leider nicht optimal: immer von Sonntag auf Montag um kurz nach Mitternacht (im WDR Fernsehen und per Live-Stream im Sendungsblog). Umso mehr waren wir überrascht, wieviele Zuschauer sich trotzdem schon an der ersten Sendung beteiligt haben. Möglich ist das bei #waszurwahl über die unterschiedlichsten Wege: via ScribbleLive auf der Blogseite, über Twitter, Facebook, Google+ und natürlich – fast schon anachronistisch – auch per Mail. Bereits vor der Sendung können Zuschauer (oder sind es eher User, die auch zuschauen?) Fragen an den nächsten Gast stellen, sie bekommen Informationen zum Sendungsthema und können sich mit anderen austauschen. Während der Sendung können sie unter www.waszurwahl.de live kommentieren und diskutieren.
Teaserbild Komplett-SendungMit #waszurwahl sollen weniger die großen Politik-Bühnen als vielmehr der Wahlkampf im Netz und auf der Straße beobachtet werden. Wer präsentiert oder blamiert sich wie im #Neuland? Und welchen Einfluss haben soziale Netzwerke im Wahlkampf? Nicht die üblichen Politiker- oder Expertenstimmen kommen zu Wort, sondern ganz normale Menschen, die via Twitter, Facebook, Skype und Google Hangout live in unser improvisiertes Kellerstudio gelangen. Dazu kommt jede Woche ein bekannter Blogger in die Sendung. Nach Sascha Lobo, Gunter Dueck und Mario Sixtus erwarten wir am letzten Sendungs-Sonntag Stefan Niggemeier als Gast an der Seite von Moderator Max von Malotki. Gemeinsam mit den Usern schauen sie dann auf die Bundestagswahl und werfen einen Blick in die Zukunft von Social Media in der Politik.
Was sagt ihr zu der Sendung #waszurwahl? Was können wir noch verbessern? Wir freuen uns immer über Feedback…
Blog zur Sendung: www.waszurwahl.de
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